xxx

Unter dem „Zappelphilippsyndrom“ ADHS leiden nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch deren soziales Umfeld. Mediziner schätzen, dass in Deutschland bis zu sechs Prozent der Kinder unter zehn Jahren betroffen sind. Mit zunehmendem Alter verringert sich dieser Prozentsatz – bei den Vierzehn- bis Siebzehnjährigen auf knapp vier Prozent. Insgesamt rechnet man immerhin mit rund einer halben Million erkrankter junger Menschen. Damit ist diese Störung die häufigste psychiatrische Diagnose bei Kindern und Jugendlichen. Allerdings ist ADHS keine typische „Kinderkrankheit“; bei etwa der Hälfte der Betroffenen zeigen sich die Symptome auch im Erwachsenenalter. Jungs beziehungsweise junge Männer sind in der Statistik bis zu viermal häufiger vertreten als Mädchen und junge Frauen.
Das Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssyndrom ADHS geht unter anderem einher mit unkonzentriertem Arbeiten und häufigem bis regelmäßigem Aufschieben von Aufgaben „auf den letzten Drücker“. Nicht selten sind die Betroffenen erheblich in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt und haben mit ihrem Verhalten nicht nur Probleme im Beruf, sondern auch in ihrem sozialen Umfeld.
ADHS hat sehr viel zu tun mit der psychischen Verfassung und der Konzentrationsfähigkeit, für die – wie für den Gehirnstoffwechsel insgesamt – B-Vitamine und Omega-3-Fettsäuren eine herausragende Rolle spielen. Seit Jahren zeigen Untersuchungen zur Mikronährstoffversorgung der Bevölkerung immer wieder, dass es bei Vertretern aus der Gruppe der B-Vitamine wie auch der Omega-3-Fettsäuren weit verbreitete Defizite gibt. Hinzu kommt, dass sich der Bedarf für diese Mikronährstoffe in bestimmten Lebenssituationen ohnehin erhöht – beispielsweise der Bedarf an Folsäure und Omega-3-Fettsäuren während der Schwangerschaft oder von Vitamin B12 mit zunehmendem Alter bei eingeschränkter Absorption.
Eine Reihe von Studien belegt die positiven Auswirkungen von B-Vitaminen und Omega-3-Fettsäuren auf Geist und Psyche: Kinder von gut mit Omega-3-Fettsäuren versorgten Müttern zeigen eine bessere Entwicklung ihres Sozialverhaltens und ihrer Intelligenz; ausgeglichenere und ruhige Kinder sind überdurchschnittlich gut mit Omega-3-Fettsäuren versorgt; durch eine Supplementierung mit Omega-3-Fettsäuren über mehrere Monate verbesserte sich in einer Studie das Sprachvermögen sowie die Lese- und Rechtschreibefähigkeiten von Schulkindern. Dennoch mag es aufgrund der vielen „Fischverweigerer“ unter Kindern und Jugendlichen kaum verwundern, dass gerade diese Personengruppe bei der Omega-3-Zufuhr häufig sehr deutlich unter den offiziell empfohlenen Zufuhrmengen liegt.
Ungesunde Ernährungsgewohnheiten wie häufiges Fast Food und zu viel Zucker verbessern die Mikronährstoffbilanz auch nicht gerade. Wer unter Konzentrationsstörungen leidet oder Kinder mit dieser Störung hat, sollte auf jeden Fall seinen Speiseplan einer kritischen Prüfung unterziehen. Eine auf die jeweiligen Lebensumstände abgestellte Ernährung oder eine gezielte Supplementierung der Nahrung mit B-Vitaminen und Omega-3-Fettsäuren ist eine gute und einfach zu schaffende Voraussetzung, um die Versorgung mit diesen für den Gehirnstoffwechsel so wichtigen Nährstoffen gerade bei Konzentrationsstörungen gezielt zu verbessern. Mit dieser Ausgabe des GIVE-Newsletters möchten wir über die Zusammenhänge informieren und Ihr Interesse an dieser sehr verbreiteten Störung wecken.
Dirk Neuberger
Interner wissenschaftlicher Ausschuss GIVE e.V.

Das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom ADHS hat vielfältige Ursachen. Wissenschaftler gehen von mehreren Faktoren aus, die zusammenkommen müssen. So gibt es klare Hinweise für eine genetische Disposition.
An der Universität Cardiff konnte nachgewiesen werden, dass bei Kindern mit ADHS überdurchschnittlich häufig kleine DNS-Segmente fehlen oder doppelt vorkommen. Dieses Phänomen wurde auch bei Autismus und Schizophrenie beobachtet1. Die Autoren verweisen zudem auf familiäre Häufungen der Störung, die ebenfalls für genetische Faktoren sprechen.
Auch für den Einfluss von Umweltgiften gibt es deutliche Anzeichen: Pestizide, insbesondere Organophosphate, lassen bei Kindern das Risiko für ADHS ebenso ansteigen, wie der Kontakt mit Phthalaten, die vielen Kunststoffen als Weichmacher zugesetzt werden2.
Eine ganz entscheidende Rolle spielt die Versorgung mit Mikronährstoffen. Ein gesundes und optimal ernährtes Nervensystem wird sich weniger anfällig gegen Störungen zeigen, als ein mangelhaft versorgtes und damit weniger robustes. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang mehrfach ungesättigte Fettsäuren, vor allem die Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure EPA und Docosahexaensäure DHA mit der Vorstufe Alpha-Linolensäure ALA, aber auch Omega-6-Fettsäuren.
Hier sind es vor allem Arachidonsäure AA und Dihomogammalinolensäure DGLA, mit der Vorstufe Linolsäure LA. Diese Fettsäuren sind essentiell für Entwicklung, Aufbau und Funktion unserer Nervenzellen und unseres Gehirns – unter anderem als Bausteine der Zellwand und als Vorstufe von Neurotransmittern und von entzündungshemmenden Stoffen. Gehirn, Netzhaut und andere neuronale Gewebe haben einen ungewöhnlich hohen Gehalt an solchen mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Bei ADHS-Patienten lassen sich häufig deutlich verringerte Serumwerte für mehrfach ungesättigte Fettsäuren feststellen. Dieser Befund fügt sich in das Bild von zahlreichen Studien, die positive Effekte auf ADHS-auffällige Kinder nach der Supplementierung mit Omega-3-Fettsäuren belegen. In der Oxford-Durham-Studie3 wurden nach sechs Monaten Supplementierung deutlich verbesserte Lese- und Schreibfertigkeiten gemessen. Auch die Adelaide Studie4 verzeichnete nach einem halben Jahr einen unübersehbaren Rückgang der kognitiven Probleme. Nach der Gabe hochdosierter Präparate (250 mg Fischöl pro kg Körpergewicht täglich) konnten bereits nach acht Wochen signifikante Verbesserungen festgestellt werden5. Etliche Studien wie zum Beispiel Oxford-Durham zeigen auch, dass die Fettsäuren die beste Wirkung entfalten, wenn sie in einem Verhältnis von 9 (EPA) : 3 (DHA) : 1 (GLA) vorliegen. EPA übernimmt wichtige Funktionen bei der Nervenreizleitung und der Kommunikation zwischen den Zellen; damit beeinflusst es die Lern- und Konzentrationsfähigkeit.

Wer sich viele Omega-3-Fettsäuren mit der Nahrung zuführt, ist weniger ADHS-gefährdet: Ein Vergleich verschiedener Diäten bestätigt, dass bei einer sogenannten „westlichen“ Ernährung mit vielen Fertiggerichten, Gebratenem und Fast Food das Risiko für ADHS größer ist. Mit einer „gesunden“ Kost mit viel frischem Obst und Gemüse, Vollkorn und Seefisch führt man sich mehr Omega-3-Fettsäuren zu6.
Gute Quellen für Omega-3-Fettsäuren sind alle fetten Kaltwasserseefische wie Lachs, Hering, Makrele usw. Bei hohem Fischkonsum sollte man allerdings die Belastung mit Umweltgiften berücksichtigen, vor allem mit Quecksilber. Lein- und Rapsöl, aber auch andere pflanzliche Fette wie Nachtkerzenöl sind ebenfalls reich an Omega-3-Fettsäuren. Fischöl kann man konzentriert und gereinigt in Kapselform zu sich nehmen.

Neben den Omega-3-Fettsäuren haben auch noch andere Mikronährstoffe positiven Einfluss auf ADHS-Störungen, beispielsweise die Spurenelemente Zink und Kupfer. Es wurde nachgewiesen, dass ADHS-auffällige Kinder im Durchschnitt weniger Zink und Kupfer mit ihrer Nahrung aufnehmen, als ihre Altersgenossen7. Beide Spurenelemente sind essentielle Cofaktoren für die Bildung von Dopamin und Norepinephrin, zwei Neurotransmittern, die eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit ADHS spielen. Zink ist ein Coenzym des Enzyms Delta-6 Desaturase, das für die Bildung langkettiger ungesättigter Fettsäuren benötigt wird, die wiederum am Aufbau der Nervenzellmembranen beteiligt sind. Eine Störung des Neurotransmitterhaushalts gilt allgemein als Grundlage für die Entwicklung von ADHS. Sie führt zu einer verminderten Funktion bestimmter Hirnregionen und beeinflusst die Steuerung und Dämpfung des Reizflusses. Reize können dann nicht mehr richtig verarbeitet werden, was sich zum Beispiel in Hyperaktivität, Aggressivität und Gedächtnisstörungen äußert.
Die erwähnten Studien zeigen, dass der Schlüssel für ADHS in einer gesunden Ernährung liegen könnte, die reich an Mikronährstoffen ist. Damit werden natürlich nicht alle Ursachen dieser Störung abgedeckt. Wenn für die grundlegenden neurologischen Funktionen optimale Bedingungen geschaffen werden, dann sind dies die besten Voraussetzungen dafür, dass sich ADHS nicht entwickeln kann.
Quellen:
1 Williams N M et al.; Rare chromosomal deletions and duplications in attention-deficit hyperactivity disorder: a genome-wide analysis. Lancet, 2010; DOI: 10.1016/S0140-6736(10)61109-9
2 Kim et al.; Phthalates Exposure and Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in School-Age Children. Biological Psychiatry, 2009; 66 (10): 958 DOI: 10.1016/j.biopsych.2009.07.034
3 Richardson AJ et al.; The Oxford-Durham Study: A Randomized, Controlled Trial of Dietary Supplementation With Fatty Acids in Children With Developmental Coordination Disorder Pediatrics Vol. 115 No. 5 May 1, 2005 pp. 1360-1366, doi: 10.1542/peds.2004-2164
4 Sinn N et al.; Effect of supplementation with polyunsaturated fatty acids and micronutrients on ADHD-related problems with attention and behaviour. Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics, 28(2), 2007 pp. 82-91
5 Germano M et al.; Plasma, red blood cells phospholipids and clinical evaluation after long chain omega-3 supplementation in children with attention deficit hyperactivity disorder (ADHD). Nutritional Neuroscience, Vol. 10, February/April 2007, pp. 1-9
6 Amber L et al.; ADHD Is Associated With a 'Western' Dietary Pattern in Adolescents. Journal of Attention Disorders, 2010; DOI: 10.1177/1087054710365990
7 Kiddie J Y et al.; Nutritional Status of Children with Attention Deficit Hyperactivity Disorder: A Pilot Study, International J of Pediatrics, Vol 2010 (2010), Article ID 767318, doi: 10.1155/2010/767318

Der Kontakt mit Pestiziden begünstigt offenbar Verhaltensstörungen: Wissenschaftler der kanadischen Universität Montreal und der Harvard-Universität hatten dazu den Harn von über elfhundert US-amerikanischen Kindern im Alter von acht bis fünfzehn Jahren auf Pestizide untersucht.
Über einhundert Kinder zeigten ADHS-Symptome. In ihrem Urin fanden sich überdurchschnittlich hohe Mengen an Dimethyl-Alkylphosphat (DMAP), einem Stoffwechselprodukt, das aus organischen Phosphaten entsteht. Organische Phosphate werden häufig als Spritzmittel eingesetzt.
Die Verfasser der Studie verweisen auf vorausgegangene Untersuchungen, denen zufolge Organophosphate Hyperaktivität und kognitive Defizite bei Tieren auslösen können. Bei Kindern könnten demnach Pestizide ADHS-Störungen wie Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulsivität begünstigen.
Quelle:
Bouchard MF et al.; Attention-Defi cit/Hyperactivity Disorder and Urinary Metabolites of Organophosphate Pesticides. Pediatrics, 2010; DOI: 10.1542/peds.2009-3058

Mütter mit einem niedrigen Folatspiegel müssen damit rechnen, dass ihre Kinder später Probleme mit Hyperaktivität und mangelnder Aufmerksamkeit bekommen. Zu diesem Schluss kommt eine britische Studie unter der Federführung von Dr. Wolff Schlotz an der Universität Southampton.
Demnach treten die ADHS-Symptome im Alter zwischen sieben und neun Jahren auf. Die Wissenschaftler stellten außerdem fest, dass die Kinder von Müttern mit niedrigem Folatstatus bei der Geburt kleinere Köpfe hatten. Der geringere Kopfumfang deutet den Forschern zufolge auf ein langsameres Gehirnwachstum hin.
Die Ergebnisse der Studie stützen den Befund etlicher anderer Untersuchungen, wonach die gesunde Entwicklung des Nervensystems von Kindern eine gute Folsäureversorgung ihrer Mütter während der Schwangerschaft voraussetzt.
Quelle:
Schlotz et al.; Lower maternal folate status in early pregnancy is associated with childhood hyperactivity and peer problems in offspring. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 2009

Eine mehrwöchige Behandlung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren zusammen mit Magnesium und Zink kann die Symptome von ADHS-auffälligen Kindern deutlich verbessern. Zu diesem Ergebnis kommt eine Wissenschaftlergruppe um Michael Huss von der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Abteilung der Universitätsklinik Mainz.
Die Forscher hatten 810 Kindern im Alter von 5 bis 12 Jahren über drei Monate lang eine Kombination von Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren mit Zink und Magnesium oral verabreicht. Dabei sollte der Einfluss dieses Mikronährstoffpräparates auf Impulsivität, Aufmerksamkeit und Hyperaktivität untersucht werden, ebenso wie auf emotionale Probleme und Schlaf. Nach 12 Wochen hatte sich bei der großen Mehrheit der Betroffenen die Symptomatik verbessert. Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsdefizite verringerten sich beispielsweise bei 63 Prozent der mit ADHS eingestuften Kinder. Die Vier- bis Sechsjährigen sprachen dabei besser auf die Behandlung an als ältere. Besonders auffällig war der Rückgang von Schlafstörungen – sie reduzierten sich bei den Betroffenen um durchschnittlich 40 Prozent, und zwar sowohl beim Einschlafen und Durchschlafen als auch bei der Schlafqualität.
Die Autoren zitieren auch vorangegangene Studien, die in die gleiche Richtung weisen. So zeigten beispielsweise Hamster vermehrt Schlafstörungen, die auf eine Diät mit besonders wenig mehrfach ungesättigten Fettsäuren gesetzt worden waren. Sie empfehlen die Kombination von Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren mit Zink und Magnesium als gut verträgliches, sicheres und wirksames Mittel bei ADHS-Symptomen.
Quelle:
Huss, M et al.; Supplementation of polyunsaturated fatty acids, magnesium and zinc in children seeking medical advice for attention-deficit/hyperactivity problems – an observational cohort study, Lipids in Health and Disease 2010, 9:105
Herausgeber:
GIVE e.V.
Kölner Straße 14
61200 Wölfersheim
Tel.: 06172|2872890
Fax: 06172|2872892
E-Mail: info(at)giveev.de
Web: www.give-ev.org
V.i.S.d.P.:
Kay Richter
Prof. Dr. med. Peter Weber
Redaktion:
Sepideh Roozbiany
Ausgabe: September | Oktober 2011